Who is paying for my coffee

Erwachsene Kinder: Wer zahlt meinen Kaffee?

Vor ein paar Tagen war ich bei meiner Familie in Hamburg zu Besuch, als mein Opa mir (29) und meiner Mutter (58) beim Gehen einen Fünfziger in die Hand drückte.
Das war nach einem Restaurantbesuch, bei dem er, wie immer, darauf bestand,
zu bezahlen.

Meiner Mutter und mir ist klar: Wenn wir etwas mit meinem Opa unternehmen, übernimmt er die Rechnung. Was mir hingegen auffällt: Bin ich allein mit meiner Mutter unterwegs, ist plötzlich überhaupt nicht klar, wer zahlt.
Dabei haben wir alle drei, mein Opa, meine Mutter und ich, ungefähr dasselbe Einkommen. Wie also kann es sein, dass meine Mutter es selbstverständlich hinnimmt, nicht für ihr erwachsenes Kind zu zahlen, während sie ebenso selbstverständlich akzeptiert, dass sie als erwachsenes Kind ihres Vaters nach wie vor eingeladen wird?

Ein kleiner, völlig unrepräsentativer Streifzug durch mein Umfeld hat mir gezeigt:
Der einzige erkennbare Unterschied zwischen meinem Opa und meiner Mutter ist
ihr Geschlecht.

Denn - ein Muster zeigt sich. Väter zahlen auch für ihre erwachsenen Kinder.
Kaffee, Restaurantbesuche, Urlaube, manchmal sogar Einkäufe.
Mütter hingegen bieten das oft nicht an. Manche erwarten sogar, dass man für
sie zahlt.

Aber woran liegt das?
Für mich ergibt sich ein Muster von Vätern, die statt emotionaler Nähe, Zeit oder Fürsorge lieber Geld geben. So, als wollten sie sagen: Ich war in deiner Kindheit oft nicht da, physisch oder mental aber jetzt bezahle ich für dich, um dir zu zeigen, dass ich dich liebe und mich um dich kümmere. Und natürlich spiele ich auch weiterhin die vermeintliche Rolle des Versorgers, weil sich das für einen Mann so gehört.

Wie beim klassischen Date, bei dem der Mann selbstverständlich einlädt, wirkt auch hier das Bezahlen wie eine freundliche Geste, hinter der sich ein Mangel verbirgt.
Denn allzu oft haben sich unsere Väter sich uns emotional entzogen und versuchen heute, dies mit vermeintlicher Großzügigkeit zu kaschieren, zu kompensieren. 

Meine Mutter schuldet mir hingegen nichts. Sie hat mich über Jahre hinweg jeden Tag eingeladen. Sie hat sich ums Frühstück gekümmert, den richtigen Kindergarten gesucht, mich zur Schule gebracht, zu Ärzten begleitet, zu Freundinnen und Freunden gefahren, Elternabende besucht, Hausaufgaben betreut, war immer erreichbar, hat zugehört, gehandelt, geliebt.

Väter fürchten hingegen, ohne diese Einladungen ihre Bedeutung zu verlieren.
Mütter sehen im Nicht-Einladen dagegen darin einen Beweis dafür, dass sie ihren Job gut gemacht haben. Denn wenn ihre Kinder sie jetzt zum Essen einladen können, heißt das: Sie haben ein selbstständiges, fürsorgliches, erwachsenes Kind großgezogen.
Sie haben alles richtig gemacht.
Ich liebe meinen Opa. Ich vergöttere meine Mutter.
Danke für alles - der nächste Kaffee geht auf mich.